Nofretete Büste: Sollte sie zurück nach Ägypten?

Eines der ikonischsten Ausstellungsstücke Berlins ist die markante Büste der Königin Nofretete, ausgestellt im Neues Museum auf der Museumsinsel. Sie gilt als globales Symbol für Schönheit, Macht und Kunsthandwerk des alten Ägypten. Heute ist sie ein zentraler Bestandteil der Debatte um koloniale Raubkunst und Repatriierung von Kulturgütern.

Ihr geschätzter Wert? Atemberaubende 400 Millionen Euro.

Doch hinter diesem gefeierten Artefakt verbirgt sich eine lange Kontroverse. 1912 entdeckte ein deutsches Archäologenteam die Büste. Wie viele kolonialzeitliche Objekte wurden sie schnell nach Berlin gebracht, wo sie bis heute ausgestellt sind?

Wer war Nofretete? – Historischer Hintergrund

Nofretete gehört zu den bekanntesten Frauen der antiken Geschichte. Sie lebte im 14. Jahrhundert v. Chr. während der 18. Dynastie des alten Ägypten und war die Hauptgemahlin des Pharaos Akhenaten. Ihr Name bedeutet sinngemäß „Die Schöne ist gekommen“, was bereits darauf hinweist, welche Bedeutung ihr Aussehen und ihre Darstellung in der ägyptischen Kunst hatten. Nofretete war jedoch weit mehr als nur eine königliche Ehefrau. Historische Reliefs und Darstellungen zeigen sie häufig in ungewöhnlich mächtigen Positionen, etwa beim Darbringen von Opfergaben an die Götter oder sogar beim Erschlagen von Feinden, eine Szene, die normalerweise nur Pharaonen vorbehalten war.

Während der Regierungszeit ihres Mannes spielte Nofretete eine zentrale Rolle in einer der radikalsten religiösen Reformen der ägyptischen Geschichte. Akhenaten führte eine neue religiöse Ordnung ein, in der der Sonnengott Aten als wichtigste Gottheit verehrt wurde. Diese religiöse Revolution brach mit der traditionellen ägyptischen Vielgötterwelt und führte zur Gründung einer neuen Hauptstadt: Amarna. In dieser Zeit wurde Nofretete häufig an der Seite ihres Mannes dargestellt, was darauf hindeutet, dass sie möglicherweise als Mitregentin oder zumindest als äußerst einflussreiche politische Figur agierte.

Porträt der ägyptischen Königin Nofretete mit aufwendigem Kopfschmuck und goldenen Schmuckdetails vor blauem Hintergrund.

Auch künstlerisch markiert ihre Epoche einen wichtigen Wandel. Die sogenannte Amarna-Kunst stellte Menschen realistischer dar als frühere ägyptische Kunststile. Figuren wurden mit weicheren Gesichtszügen und individuelleren Merkmalen dargestellt. Die berühmte Büste Nofretetes ist ein herausragendes Beispiel für diese neue künstlerische Richtung. Bis heute gilt sie als eines der bedeutendsten Porträts aus der Antike und als Symbol für die Schönheit und kulturelle Blüte des alten Ägyptens.

Die Entdeckung der Büste im Jahr 1912

Die berühmte Büste der Nofretete wurde am 6. Dezember 1912 bei archäologischen Ausgrabungen in der antiken Stadt Amarna entdeckt. Die Grabungen wurden von einem deutschen Team unter Leitung des Ägyptologen Ludwig Borchardt durchgeführt. Finanziert wurde die Expedition von der Deutschen Orient-Gesellschaft und dem Berliner Kunstmäzen James Simon.

Der spektakuläre Fund erfolgte in den Überresten eines Werkstattkomplexes, der dem königlichen Bildhauer Thutmose zugeschrieben wird. In diesem Atelier entdeckten Archäologen zahlreiche Modelle, Gipsformen und Skulpturenfragmente, die vermutlich als Vorlagen für offizielle Darstellungen der königlichen Familie dienten. Zwischen diesen Objekten lag auch die heute weltberühmte Büste der Nofretete. Sie besteht aus Kalkstein, der mit bemaltem Gips überzogen ist, und misst etwa 48 Zentimeter in der Höhe. Besonders bemerkenswert ist der außergewöhnlich gute Erhaltungszustand der Skulptur.

Borchardt selbst beschrieb den Moment der Entdeckung in seinem Tagebuch voller Begeisterung. Er notierte, dass die Skulptur so lebendig wirke, dass Worte sie kaum beschreiben könnten. Diese emotionale Reaktion zeigt, welchen Eindruck die Büste bereits auf ihre ersten Betrachter machte. Kurz nach der Entdeckung wurde sie Teil der Fundaufteilung zwischen Ägypten und Deutschland, eine damals übliche Praxis bei archäologischen Ausgrabungen.

Koloniale Archäologie im frühen 20. Jahrhundert

Die Entdeckung der Büste der Nofretete fand in einer Zeit statt, in der archäologische Forschung stark von europäischen Kolonialmächten geprägt war. Im frühen 20. Jahrhundert kontrollierten europäische Staaten viele Regionen des Nahen Ostens und Nordafrikas politisch oder wirtschaftlich. Ägypten selbst stand zu dieser Zeit unter starkem britischem Einfluss. Diese Machtverhältnisse hatten direkten Einfluss auf die archäologische Forschung und den Umgang mit antiken Artefakten.

Viele archäologische Projekte wurden von europäischen Institutionen finanziert und geleitet. Wissenschaftler aus Deutschland, Großbritannien oder Frankreich erhielten Grabungslizenzen von den lokalen Behörden. Im Gegenzug wurde häufig ein System der Fundteilung angewendet, das sogenannte „Partage“. Dabei wurden die entdeckten Objekte zwischen dem Ausgrabungsteam und dem Herkunftsland aufgeteilt. Diese Praxis galt damals als legal und üblich, wird heute jedoch kritisch betrachtet.

Kritiker argumentieren, dass dieses System stark von kolonialen Machtstrukturen geprägt war. Europäische Forscher verfügten über finanzielle Ressourcen, wissenschaftliche Netzwerke und politischen Einfluss, während lokale Behörden oft weniger Handlungsspielraum hatten. Dadurch gelangten zahlreiche bedeutende Artefakte aus dem Nahen Osten und Afrika in europäische Museen

Die Geschichte der Büste in Berlin

Nachdem die Büste der Nofretete 1913 nach Deutschland gebracht worden war, gelangte sie zunächst in die Privatsammlung des Berliner Mäzens James Simon. Einige Jahre später schenkte er die Büste den Berliner Museen, wodurch sie Teil der staatlichen Sammlung wurde.

Die Büste wurde erstmals 1924 öffentlich ausgestellt und erregte sofort internationale Aufmerksamkeit. Besucher aus aller Welt reisten nach Berlin, um das außergewöhnlich gut erhaltene Porträt der ägyptischen Königin zu sehen. Schnell entwickelte sich die Skulptur zu einem der bekanntesten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts.

Während des Zweiten Weltkriegs musste die Büste aus Sicherheitsgründen mehrfach verlegt werden. Wie viele wertvolle Kunstwerke wurde sie versteckt, um sie vor Bombenangriffen zu schützen. Zwischenzeitlich wurde sie sogar in einem Salzbergwerk gelagert, wo zahlreiche deutsche Museen ihre wertvollsten Objekte aufbewahrten. Nach dem Krieg gelangte die Büste zunächst in verschiedene Museen in West-Berlin.

Seit 2009 befindet sich die Skulptur im Neues Museum auf der Museumsinsel, das nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten wiedereröffnet wurde. Dort bildet sie das zentrale Ausstellungsstück der ägyptischen Sammlung und zieht jedes Jahr Hunderttausende Besucher an.

Der Aufruf nach Rückführung

Der ehemalige ägyptische Minister für Altertümer, Zahi Hawass, hat die Debatte im September 2024 neu entfacht, indem er eine Petition startete, die die Rückgabe der Büste fordert. Er argumentiert, dass das Artefakt illegal außer Landes gebracht wurde und an seinen rechtmäßigen Ort zurückkehren müsse.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, verantwortlich für die Berliner Museumssammlungen, beharrt hingegen darauf, dass die Büste legal erworben wurde. Doch ist diese Behauptung wirklich haltbar?

Die Legalität des Erwerbs auf dem Prüfstand

In den frühen 1910er Jahren stand Ägypten unter britischer Kolonialherrschaft und verfügte kaum über Ressourcen für eigene Ausgrabungen. Deutsche Archäologen, finanziert durch den Geschäftsmann James Simon, erhielten daher die Erlaubnis, Artefakte auszugraben. Die damalige Vereinbarung sah eine 50:50-Teilung der rund 10.000 Funde vor. Dies war eine gängige Praxis, bevor sich die Regeln 1922 nach der Ausgrabung von Tutanchamuns Grab grundlegend änderten.

Deutschland behauptet, dass ein ägyptischer Vertreter die Hälfte der Funde fair ausgewählt habe, einschließlich der Nofretete-Büste. Kairo argumentiert dagegen, dass Ludwig Borchardt die Bedeutung der Büste absichtlich verschleierte, um sie aus Ägypten zu schmuggeln. Die Büste blieb zunächst ein Jahrzehnt lang in Simons Privatsammlung, bevor sie 1924 in Berlin öffentlich gezeigt wurde.

Internationale Rückgabedebatten

Die Diskussion um die Rückgabe der Büste der Nofretete ist Teil einer größeren globalen Debatte über die Rückführung von Kulturgütern. Viele Artefakte, die heute in europäischen Museen ausgestellt werden, stammen ursprünglich aus ehemaligen Kolonien oder aus Regionen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert politisch von europäischen Mächten beeinflusst wurden.

Ein bekanntes Beispiel sind die Benin Bronzes. Diese Kunstwerke wurden 1897 von britischen Truppen während einer militärischen Expedition aus dem Königreich Benin im heutigen Nigeria entwendet. Viele dieser Objekte befinden sich heute in europäischen und amerikanischen Museen. In den letzten Jahren haben mehrere Länder begonnen, Teile dieser Sammlungen an Nigeria zurückzugeben.

Ein weiteres berühmtes Objekt ist die Rosetta Stone, die sich im British Museum befindet. Der Stein war entscheidend für die Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen, wurde jedoch während der napoleonischen Kriege nach Großbritannien gebracht. Auch hier fordert Ägypten seit Jahren eine Rückgabe.

Detailreiche Darstellung einer Frau mit ägyptischer Krone, die den Kopf leicht nach oben neigt, mit geschlossenen Augen u...

Diese Beispiele zeigen, dass die Debatte über kulturelles Erbe weit über den Fall der Nofretete hinausgeht. Museen auf der ganzen Welt stehen zunehmend unter Druck, ihre Sammlungen kritisch zu überprüfen und neue Formen internationaler Zusammenarbeit zu entwickeln.

Seit über hundert Jahren wird die Rückgabe verweigert, ein Muster, das sich in Europa gegenüber vielen Forderungen nach Repatriierung kolonialer Kulturgüter zeigt.

Die Bundesregierung verweist auf die Zerbrechlichkeit der Büste, mögliche Präzedenzfälle und fehlende rechtliche Grundlagen. Die offizielle Haltung der Stiftung lautet weiterhin:

„Es gibt derzeit keine Verhandlungen mit Ägypten über die Rückgabe der Statue.“

Internationale Gesetze zum Schutz von Kulturgütern

In den letzten Jahrzehnten haben internationale Organisationen versucht, den Schutz von Kulturgütern besser zu regulieren. Eine der wichtigsten Vereinbarungen ist die UNESCO-Konvention von 1970. Dieses Abkommen verpflichtet die unterzeichnenden Staaten dazu, den illegalen Handel mit Kulturgütern zu verhindern und gestohlene Artefakte an ihre Herkunftsländer zurückzugeben.

Die Konvention wurde als Reaktion auf den zunehmenden internationalen Handel mit antiken Objekten geschaffen. Viele archäologische Artefakte wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts illegal ausgegraben und anschließend auf dem Kunstmarkt verkauft. Durch internationale Zusammenarbeit sollen solche Praktiken verhindert werden.

Ein wichtiges Problem besteht jedoch darin, dass viele berühmte Objekte bereits lange vor der Einführung dieser Gesetze ins Ausland gelangten. Die Büste der Nofretete wurde beispielsweise bereits 1913 nach Deutschland gebracht. Daher greifen die heutigen internationalen Regelungen rechtlich oft nicht auf solche historischen Fälle zurück.

Trotzdem beeinflussen diese Gesetze die heutige Debatte über Restitution. Viele Staaten argumentieren, dass auch ältere Fälle im Sinne historischer Gerechtigkeit neu bewertet werden sollten. Museen wiederum betonen häufig, dass sie wichtige Rollen beim Schutz und der Erforschung solcher Objekte spielen.

Einige argumentieren, die Büste fungiere als „kulturelle Botschafterin“ Ägyptens. Die ägyptische Archäologin Monica Hanna widerspricht jedoch deutlich:

„Wenn eine Botschafterin nur in eine Richtung geschickt wird, ist sie eine Geisel.“

Wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der Büste

Die Büste der Nofretete ist heute nicht nur ein archäologisches Artefakt, sondern auch ein bedeutendes kulturelles und wirtschaftliches Symbol. Seit ihrer ersten öffentlichen Ausstellung im Jahr 1924 hat sie sich zu einer der bekanntesten Skulpturen der Welt entwickelt. Millionen von Menschen kennen das Gesicht der ägyptischen Königin aus Büchern, Dokumentationen oder Museumsbesuchen.

Für Berlin hat die Büste eine besondere Bedeutung. Sie gilt als das zentrale Ausstellungsstück des Neues Museum auf der Museumsinsel. Jedes Jahr besuchen Hunderttausende Touristen das Museum, und viele von ihnen kommen speziell, um die berühmte Skulptur zu sehen. Dadurch trägt die Büste indirekt zur wirtschaftlichen Bedeutung des Kulturtourismus in der Stadt bei.

Darüber hinaus wird das Bild der Nofretete weltweit reproduziert. Es erscheint in Lehrbüchern, Ausstellungen, Filmen und Souvenirs. Repliken der Büste werden in verschiedenen Größen verkauft und sind ein beliebtes Sammlerstück. Dadurch ist die Skulptur zu einem globalen Symbol für das alte Ägypten geworden.

Diese kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung spielt auch eine Rolle in der Debatte über ihre mögliche Rückgabe. Während einige argumentieren, dass sie ein zentraler Bestandteil des kulturellen Erbes Ägyptens ist, sehen andere sie als Teil eines globalen Museumsnetzwerks, das Kunst und Geschichte für ein internationales Publikum zugänglich macht.

Neben Ticketverkäufen generiert die Büste erhebliche Einnahmen. Repliken werden im Museumsshop für 48 Euro verkauft. Eine Berliner Zeitung nutzte ihr Bild sogar, um Berlin als „migrationsfreundliche Stadt“ zu bewerben.

Was denkst du ?

Sollte Berlin die Büste der Nofretete an Ägypten zurückgeben, um seine koloniale Vergangenheit anzuerkennen? Oder sollte die Stadt weiterhin an dem Artefakt festhalten?

Diskutiere diese Frage mit uns in der Tour Humboldt- Forum.

Quellen