Wir sind im Naturkundemuseum in Berlin, wo Tausende von Besucher*innen eines der berühmtesten Exponate sehen möchten: Der Giraffatitan brancai ist eines der größten und höchsten rekonstruierten Dinosaurierskelette der Welt. Ein atemberaubender Anblick: aber wusstest du, dass dieses Dino‑Skelett tiefe koloniale Wurzeln hat?
Neben der schieren Größe des Skeletts ist es ein Zeugnis dafür, wie wissenschaftliche Entdeckungen eng mit den kolonialen Machtstrukturen des frühen 20. Jahrhunderts verknüpft waren. Jede Phase seiner Geschichte, von der Entdeckung über den Transport nach Deutschland bis zur musealen Präsentation, reflektiert die globalen Ungleichheiten und die koloniale Aneignung von Ressourcen.
Dieses 150 Millionen Jahre alte Dinosaurierfossil wurde zwischen 1909 und 1913 am Mount Tendaguru im heutigen Tansania ausgegraben. Zu dieser Zeit stand Tansania unter deutscher Kolonialherrschaft als Teil von Deutsch‑Ostafrika. Die Region war stark militarisiert, und die deutsche Kolonialverwaltung kontrollierte Land, Ressourcen und Bevölkerung rigoros.
Die Entdeckung selbst geht zurück auf eine Meldung eines deutschen Ingenieurs, der 1906 bei geologischen Prospektionen in der Region auf riesige Knochen stieß. Diese Information verbreitete sich bald nach Berlin und führte zur Vorbereitung einer groß angelegten paläontologischen Expedition durch das Museum für Naturkunde.
Diese Entdeckung fiel in eine verheerende Phase der tansanischen Geschichte. In den Jahren unmittelbar vor den Ausgrabungen hatte der Maji‑Maji‑Aufstand (1905–1907), ein weitreichender bewaffneter Widerstand gegen die germanische Kolonialverwaltung, stattgefunden. Deutsche Truppen hatten den Aufstand mit enormer Brutalität niedergeschlagen, was in vielen Fällen zu massiver Gewalt, Hunger und Tod führte. Durch die systematische Unterdrückung jener Aufstände schufen die Kolonialbehörden eine Umgebung, die sie anschließend als „sicher“ für wissenschaftliche Expeditionen einstuften, während die betroffenen lokalen Gemeinschaften weitgehend ausgegrenzt blieben.
Zwischen 1909 und 1913 setzte das Berliner Museum für Naturkunde unter Leitung der Paläontologen Werner Janensch und Edwin Hennig eine große Expedition zur fossilen Ausgrabung ein. Die Arbeiten wurden zwar offiziell als wissenschaftliche Feldforschung bezeichnet, doch sie waren tief in koloniale Machtverhältnisse eingebettet. Während die Expedition durch Berliner Institutionen finanziert und organisiert wurde, war die körperliche Arbeit vor Ort stark von einheimischen Arbeitern abhängig, die unter extrem harten Bedingungen arbeiten mussten.
Da die Region von der von der Tsetse‑Fliege übertragenden Schlafkrankheit betroffen war, konnten Lasttiere wie Maultiere und Pferde kaum eingesetzt werden. Stattdessen waren es vor allem afrikanische Arbeiterinnen: Männer, Frauen und oft auch Jugendliche, die das schwere Fossilienmaterial ausgruben und zum Transport vorbereiteten. Laut aktuellen Forschungen werden inzwischen sogar Ansätze entwickelt, um die Namen und Beiträge dieser Arbeiterinnen in Datenbanken wie Wikidata zu erfassen, um ihre historische Sichtbarkeit zu erhöhen.
Insgesamt wurden etwa 225 - 230 Tonnen fossiles Material aus dem Tendaguru‑Gebiet nach Berlin gebracht. Mehrere tausend einzelne Knochen wurden geborgen, darunter zahlreiche Teilskelette der Arten Giraffatitan brancai, Dicraeosaurus hansemanni, Kentrosaurus aethiopicus, Elaphrosaurus bambergi und Dysalotosaurus lettowvorbecki. Die paläontologische Vielfalt der Funde macht die Tendaguru‑Expedition zu einer der bedeutendsten in der Geschichte der Dinosaurierforschung.
Die regionstypische Tendaguru‑Formation ist geologisch zwischen etwa 157 und 145 Millionen Jahren alt und stellt eine spätjurassische Fundschicht dar, die zu den reichhaltigsten Dinosaurierfundstellen weltweit gehört. Neben den größten Sauropodenfossilien liefert sie auch reichhaltiges Material von Pflanzen, Wirbeltieren und Wirbellosen, das ein umfassendes Bild der damaligen Ökosysteme ermöglicht.
Für die wissenschaftliche Paläontologie war dies ein Meilenstein: Die Fossilien erlauben Rückschlüsse auf Morphologie, Lebensweise, Wachstum und Umweltbedingungen der Tiere der Jurazeit. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen entstanden aus diesen Funden, und auch heute noch wird an den Beständen weitergearbeitet, teilweise mit neuen Methoden wie CT‑Scans und digitaler Modellierung.
Nachdem die Fossilien im Gelände ausgegraben worden waren, mussten sie zunächst grob präpariert, in spezielle Transportverpackungen gepackt und über weite Strecken zur Küste gebracht werden, eine logistischer Herausforderung, die vor allem aufgrund des schweren Materials und der mangelnden Infrastruktur bewältigt werden musste. Von dort aus wurden die verpackten Funde nach Europa verschifft, meist über den Hafen von Hamburg.
Ein Teil des ursprünglichen Materials ist bis heute ungeöffnet im Archiv des Museums gelagert, darunter 40 Bambuskorsetts und mehrere Holzkisten mit unbehandelten Knochen, die modernen Forschungstechniken wie Computertomographie noch nicht vollständig erschlossen sind.
Während der DDR‑Zeit wurden die kolonialen Ursprünge des Fossils meist nur beiläufig erwähnt; Ausstellungstafeln nannten oft lediglich „Deutsch‑Ostafrika“ als Herkunft. Erst im 21. Jahrhundert begannen Museen, explizit über die koloniale Kontexte zu informieren und Provenienzforschung zu betreiben, um historische Zusammenhänge transparent zu machen.
In der heutigen Saurierausstellung wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass die Grabungen nicht ohne die Arbeit hunderter afrikanischer Helfer und den kolonialen Kontext möglich gewesen wären. Diese Art der Vermittlung soll Besucher*innen ein Verständnis für die globalen und historischen Verknüpfungen von Wissenschaft, Macht und Imperium geben.
Die Geschichte naturkundlicher Sammlungen wie jener des Giraffatitan brancai lässt sich nicht losgelöst von der breiteren Praxis kolonialer Wissenschaft im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verstehen. In dieser Epoche dienten wissenschaftliche Expeditionen und Sammlungen oft dazu, die Macht und das Prestige der Kolonialmächte zu untermauern. Europäische Museen, darunter das Museum für Naturkunde Berlin, bauten ihre Sammlungen systematisch aus, indem sie Material aus kolonial eroberten Gebieten nach Europa brachten. Dieser Prozess war nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein politisches Projekt: die Erfassung, Klassifikation und Ausstellung kolonialer Natur war eng mit der rechtlichen und militärischen Kontrolle der entsprechenden Regionen verbunden. In vielen Fällen wurden Sammlungen exploriert und systematisiert, um die „Ressourcen“ sowohl biologischer als auch kultureller Natur besser zu verstehen und zu verwerten ein Vorgang, den heutige Forschende als Teil des historischen „wissenschaftlichen Kolonialismus“ kritisieren, weil er Wissen über kolonialisierte Regionen weitestgehend in den Metropolen konzentrierte und lokale Perspektiven marginalisierte.
Ein aktuelles Beispiel für diese Verknüpfung von Wissenschaft und Kolonialgeschichte ist ein Projekt am Museum für Naturkunde Berlin, das darauf abzielt, fossiles und archiviertes Material aus der Tendaguru-Expedition virtuell zugänglich zu machen. Dieses Projekt benennt ausdrücklich die kolonialen Kontexte der Sammlung und sucht internationale Kooperationen mit Partner*innen in den Herkunftsregionen, ein Zeichen dafür, wie museale Institutionen heute versuchen, das koloniale Erbe ihrer Sammlungen kritisch zu reflektieren.
Dabei ist wichtig zu erkennen, dass die kolonial geprägte Sammlungspraxis nicht auf das Museum in Berlin beschränkt war, sondern Teil einer globalen Entwicklung: Museen in London, Paris oder Wien sammelten ebenfalls Objekte aus kolonialen Kontexten, schilderten sie durch eurozentrierte Narrative und präsentierten sie dem Publikum als Beweis für die Überlegenheit europäischer Wissenschaft und Zivilisation.
Die paläontologischen Aktivitäten am Tendaguru-Hügel fanden in einer Zeit statt, die von tiefgreifenden politischen Spannungen in Deutsch‑Ostafrika geprägt war. Noch wenige Jahre vor dem Beginn der Dinosaurierausgrabungen hatte sich die lokale afrikanische Bevölkerung massiv gegen die deutsche Kolonialherrschaft erhoben. Der Maji‑Maji‑Aufstand von 1905 bis 1907 war eine der größten organisierten Widerstandsbewegungen in der Kolonialgeschichte Ostafrikas und verband Angehörige verschiedener ethnischer Gruppen im Süden des damaligen Deutsch‑Ostafrika.
Ausgelöst wurde der Aufstand durch die repressiven Maßnahmen der deutschen Verwaltung, etwa Zwangsarbeit, hohe Steuern und die Verpflichtung zur Baumwollproduktion für den Export. Diese Maßnahmen zerstörten traditionelle Wirtschaftsstrukturen und führten zu weit verbreitetem Unmut gegen die Kolonialherrschaft. Die Bewegung erhielt ihren Namen vom Begriff „maji“ (Wasser), der sich auf eine spirituelle Praxis bezog, bei der angenommen wurde, dass ein mit Wasser gemischtes magisches Elixier die Kämpfer*innen gegen die Waffen der Kolonialtruppen schützen könne
Obwohl der Aufstand letztlich militärisch niedergeschlagen wurde, mit einer Strategie der verbrannten Erde, bei der Dörfer und Ernten zerstört wurden, hatte er tiefgreifende Auswirkungen auf die lokalen Gesellschaften. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 200.000 und 300.000 Menschen überwiegend durch Folgeerscheinungen wie Hunger starben, als die deutsche Schutztruppe die Kontrolle wiederherstellte.
In diesem Kontext wurden kurz nach dem Ende des Aufstands die paläontologischen Ausgrabungen in Angriff genommen, unter Bedingungen, die aus heutiger Sicht stark durch die koloniale Infrastruktur, Machtverhältnisse und die Unterdrückung lokaler Bevölkerungen geprägt waren. Das heißt: die Wissenschaft vor Ort war nicht losgelöst von diesen historischen Realitäten, sondern fand in einem Umfeld statt, das durch Vertreibung, Gewalt und die systematische Marginalisierung afrikanischer Stimmen geformt war.
In den letzten Jahrzehnten hat die internationale Museumspraxis zunehmend begonnen, sich mit den ethischen Fragen auseinanderzusetzen, die aus kolonialen Erwerbungen stammen. Während die Debatten um Restitution vor allem Kunstwerke und menschliche Überreste betreffen, wird zunehmend auch die Frage gestellt, wie mit wissenschaftlichen Objekten wie Fossilien umzugehen ist. Fossilien großer Bedeutung, wie die aus der Tendaguru‑Expedition, stehen dabei im Fokus eines wachsenden Diskurses darüber, ob und in welchem Umfang solche Objekte unter kolonialen Bedingungen gesammelt und ins Ausland gebracht wurden.
Ein zentrales Element dieser Debatte ist die Provenienzforschung: Das heißt, es wird untersucht, unter welchen rechtlichen, historischen und ethischen Bedingungen Sammlungsstücke in den Besitz europäischer Institutionen gelangten und wie transparent diese Erwerbsgeschichten offengelegt werden können. Am Museum für Naturkunde Berlin etwa gibt es seit einigen Jahren Bemühungen, die kolonialen Erwerbungskontexte naturkundlicher Objekte aufzuarbeiten und in Ausstellungskonzepten sichtbar zu machen. Diese Arbeit soll dazu beitragen, Besucher*innen ein tieferes Verständnis der historischen Bedingungen zu geben, unter denen die Sammlungen entstanden sind.
Darüber hinaus gibt es breit geführte internationale Debatten über Restitution und Rückgabe kultureller Güter, bei denen nicht nur Kunst, sondern auch naturgeschichtliche Objekte in den Blick genommen werden. Die Diskussion über die Rückgabe von Objekten aus kolonialen Kontexten, etwa im Rahmen von UNESCO‑Projekten oder durch nationale Regierungsinitiativen, zeigt, dass sich der Umgang mit kolonialem Erbe weiterentwickelt und neue rechtliche wie moralische Fragen aufwirft.
Einige Stimmen argumentieren, dass Fossilien, obwohl sie oft als wissenschaftliche Objekte behandelt werden, ebenfalls einer Form von „kultureller Zugehörigkeit“ unterliegen und daher im Gespräch über Rückgabe und partnerschaftliche Kooperation berücksichtigt werden sollten. Andere betonen, dass technische Zugänglichkeit, wissenschaftliche Nutzung und internationale Forschungskooperationen ebenfalls wichtige Aspekte sind, die in solchen Debatten berücksichtigt werden müssen. Diese komplexe Gemengelage aus rechtlichen, historischen und ethischen Dimensionen macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit kolonialem Erbe in naturkundlichen Sammlungen ein fortlaufender Prozess ist, der weit über einfache Besitzfragen hinausgeht.