Ein Flohmarkt, auf dem menschliche Schädel verkauft werden

Was würdest du fühlen, wenn du an einem Sonntag über einen Flohmarkt schlenderst und zwischen alten Büchern, Porzellan und Vintage-Schmuck plötzlich einen menschlichen Schädel entdeckst, mit Preisschild? Kein Museumsstück. Kein archäologischer Fund. Sondern ein Verkaufsobjekt. Genau das ist in Deutschland Realität.

Schockierende Entdeckungen in Deutschlands kolonialer Vergangenheit

Du stehst vor einer der renommiertesten medizinischen Einrichtungen Europas, der Charité. Aber wusstest du, dass hier viele menschliche Überreste aus Deutschlands kolonialer Vergangenheit gelagert werden? Die Sammlung der Charité umfasst 106 menschliche Überreste aus Afrika, Ozeanien, Asien und Nordamerika.
Schockierend? Warte, ich habe noch mehr beunruhigende Nachrichten.

Menschliche Überreste zu verkaufen

Bunte Marktstraße mit Ständen, eine Frau in blauer Kleidung geht vorbei, umgeben von Waren und Schatten.

Eine aktuelle Untersuchung des NDR hat einen „Kuriositätenmarkt“ nahe der deutsch-belgischen Grenze ans Licht gebracht, auf dem menschliche Schädel und Knochenreste verkauft werden. Die meisten Verkäufer wissen nicht, woher diese Überreste stammen, obwohl einige behaupten, sie kämen aus Togo, einer ehemaligen deutschen Kolonie.
In einer grausamen Wendung wird sogar Gewalt als Verkaufsargument genutzt, ein Schädel mit Einschussloch wird für 2.000 Euro angeboten, ein Kinderschädel für 1.950 Euro.
Wusstest du, dass der Handel mit menschlichen Überresten als Privatperson in Deutschland immer noch legal ist?
Stell dir einen Flohmarkt vor, der dunkle Geheimnisse birgt.

Kolonialgeschichte und der Kontext geraubter menschlicher Überreste

Deutschlands koloniale Vergangenheit ist in der Forschung längst kein Randphänomen mehr, sondern ein zentraler historischer Komplex, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind. Zwischen 1884 und dem Ende des Ersten Weltkriegs besaß das Deutsche Reich mehrere „Schutzgebiete“ in Afrika, darunter Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi, Ruanda) und Togo.
Diese Kolonien dienten nicht nur der Rohstoffausbeutung und militärischen Kontrolle, sondern auch ideologisch der Durchsetzung eines vermeintlich überlegen westeuropäischen Weltbildes. In der Folge kam es wiederholt zu Gewaltexzessen, Landraub und systematischen Massakern an indigenen Gemeinschaften, am bekanntesten ist wohl der Völkermord an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908.

Bei diesen kolonialen Gewalttaten starben Zehntausende Menschen durch direkte Gewalt, Hunger, Zwangsarbeit und systematische Verfolgung durch das deutsche Militär. Doch die Gewalt endete nicht mit dem Tod. Schädel und Skelette wurden exhumiert, gereinigt und nach Deutschland verschifft. Teilweise mussten Überlebende sogar die Schädel ihrer ermordeten Angehörigen vorbereiten und verpacken.

Diese Überreste dienten wissenschaftlichen Sammlungen, medizinischer Forschung und der „Rassenkunde“. Sie wurden katalogisiert, vermessen und archiviert, als wären sie Objekte.
Diese Praxis war kein Einzelfall, sondern Teil eines Systems kolonialer Ausbeutung, das Menschen nicht als Individuen, sondern als Forschungsobjekte betrachtete. Noch heute lagern tausende dieser Überreste in deutschen Institutionen.

Rechtliche Lage in Deutschland und international

Die rechtliche Situation rund um den Handel mit menschlichen Überresten in Deutschland ist paradox und für viele kaum nachvollziehbar. Während das Kulturgutschutzgesetz (KGSG) von 2016 den Handel mit Kulturgut streng regelt und Institutionen wie Museen, Archive oder Universitäten dazu verpflichtet, Objekte mit unklarer Herkunft nicht zu erwerben, gibt es für private Verkäufer eine deutliche Lücke. Menschliche Überreste fallen in vielen Fällen nicht unter das gesetzliche Kulturgut, solange sie nicht offiziell als archäologische Funde klassifiziert sind. Dies bedeutet: Privatpersonen können Schädel, Knochen oder andere Körperteile legal auf Flohmärkten, in Online-Auktionen oder in Kuriositätenläden anbieten, ohne Nachweis der Provenienz.

Ein weiteres Problem ist die fehlende internationale Harmonisierung. Während UNESCO-Konventionen und die UN-Deklaration über die Rechte indigener Völker die Rückgabe menschlicher Überreste als moralische Verpflichtung sehen, fehlen konkrete rechtliche Mechanismen, die Privatpersonen in Deutschland verpflichten würden, diese Überreste zurückzugeben

Die Folge ist eine rechtliche Grauzone, die moralische Fragen aufwirft: Wem gehört ein menschlicher Körper? Kann er rechtlich Besitzobjekt sein? Die Debatte um gesetzliche Nachbesserungen gewinnt an Dringlichkeit, da sich der Handel zunehmend ins Internet verlagert und schwer kontrollierbar wird.

Jurist:innen, Ethiker:innen und Aktivist:innen fordern deshalb, dass auch private Verkäufe streng geregelt und der kommerzielle Handel mit menschlichen Überresten untersagt wird. Die aktuelle Gesetzeslage illustriert, wie sehr Recht und Moral hier auseinanderklaffen und wie dringend Handlungsbedarf besteht, um koloniale Kontinuitäten zu durchbrechen

Das Erbe der Plünderungen

Deutschland plünderte nicht nur Kulturgüter aus seinen ehemaligen afrikanischen Kolonien, sondern auch menschliche Schädel, Knochen und andere Körperteile.
Dieses Foto aus dem Afrikanischen Viertel zeigt Skelettüberreste aus Afrika, die nach dem Völkermord an den OvaHerero und Nama für den Transport nach Deutschland verpackt wurden.

Rassismus, Pseudowissenschaft und anthropologische Legitimation

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erlebte Europa einen Boom pseudowissenschaftlicher Rassentheorien. Anthropologen maßen Schädel, bestimmten Winkel und Volumen und versuchten, Intelligenz, Moral und Wert eines Menschen anhand biologischer Merkmale zu definieren.
Forscher wie Felix von Luschan sammelten tausende Schädel, um Hierarchien zwischen „Rassen“ zu konstruieren. Berlin wurde zu einem Zentrum dieser Forschung.
Diese Wissenschaft war nicht neutral. Sie legitimierte Kolonialismus, Gewalt und Unterdrückung. Sie gab ideologische Rechtfertigung für Völkermord.
Die Spuren dieser Ideologie wirken bis heute nach: in strukturellem Rassismus, in musealen Sammlungen, in akademischen Archiven.

Medizinische und wissenschaftliche Historie der Schädelsammlungen

Die Praxis, menschliche Überreste systematisch zu sammeln und wissenschaftlich zu katalogisieren, hat in Deutschland eine lange Geschichte, die eng mit kolonialer Expansion und pseudowissenschaftlicher Anthropologie verknüpft ist. Bereits im 19. Jahrhundert begannen Forschende wie Felix von Luschan (1854–1924), Schädel aus Afrika und Ozeanien zu sammeln, um angebliche „Rassenunterschiede“ zu messen und Hierarchien zwischen Menschen konstruktiv zu legitimieren

Berliner Institutionen wie die Charité oder das Museum für Völkerkunde wurden zu zentralen Sammelstellen für Schädel, Skelette und andere Überreste. Die Objekte wurden systematisch vermessen, beschriftet und in Schränken archiviert, als handle es sich um naturwissenschaftliche Proben und nicht um menschliche Individuen. Ziel war es, durch pseudowissenschaftliche Methoden die ideologische Überlegenheit Europas zu untermauern und die kolonialen Exzesse, Zwangsarbeit, Landraub, Massaker, wissenschaftlich zu rechtfertigen.

Drei menschliche Schädel auf einem Tisch, umgeben von dunklem Hintergrund, verkauft auf einem Flohmarkt.

Auch wenn diese Praktiken heute als zutiefst unethisch gelten, prägen sie bis heute die Strukturen wissenschaftlicher Sammlungen. Zahlreiche Schädel lagern noch immer in Berliner Universitäten und Museen, während die Provenienz vieler Stücke ungeklärt ist. Die Debatte über diese Sammlungen ist nicht nur historisch, sondern auch ethisch brisant: Wie sollen heutige Wissenschaft und Museen mit Objekten umgehen, die aus kolonialer Gewalt stammen?

Die Rückgabe an Herkunftsgemeinschaften ist moralisch zwingend, steht aber oft im Widerspruch zu bürokratischen, wissenschaftlichen oder konservatorischen Interessen. Dieser Konflikt zeigt, dass die Geschichte der Anthropologie nicht nur akademisches Wissen, sondern auch tiefgreifende ethische Verantwortung umfasst.

Internationale Rückgabebewegungen und globale Verantwortung

Deutschland steht mit diesem Problem nicht allein. Frankreich, Großbritannien, Belgien und die Niederlande sehen sich ähnlichen Forderungen nach Restitution gegenüber.
In den letzten Jahren haben sich internationale Standards entwickelt, die die Rückgabe menschlicher Überreste an Herkunftsgemeinschaften als moralische Verpflichtung begreifen. Die Vereinten Nationen und UNESCO-Rahmenwerke betonen die Bedeutung kultureller Selbstbestimmung.

Doch Rückgabe ist komplex: Provenienzforschung ist aufwendig, politische Prozesse sind langsam, und oft fehlen klare gesetzliche Regelungen.
Trotzdem wurden erste Schritte unternommen, etwa die Rückgabe von Schädeln nach Namibia. Diese symbolischen Akte sind wichtig, reichen jedoch nicht aus, um die strukturellen Probleme zu lösen.

Ökonomische und kuriose Perspektive des Schädelhandels

Neben der moralischen und historischen Dimension wirft der Handel mit menschlichen Überresten auch Fragen nach Ökonomie, Nachfrage und kultureller Faszination auf. Kuriositätenmärkte wie der NDR-Bericht nahe der deutsch-belgischen Grenze zeigen, dass Schädel und Skelette Preise zwischen 500 und mehreren tausend Euro erzielen können, abhängig von Alter, Herkunft und „Seltenheitswert“. Besonders makaber: Einschusslöcher oder andere Zeichen von Gewalt werden als Verkaufsargumente genutzt, was die morbide Ökonomie der Sammlerwelt verdeutlicht. Warum kaufen Menschen solche Objekte?

Teilweise geht es um medizinische oder anthropologische „Antiquitäten“, oft aber auch um morbide Faszination oder Statussymbole innerhalb spezieller Sammlergruppen. Social-Media-Plattformen, geschlossene Facebook- oder Instagram-Gruppen und Online-Auktionshäuser haben diesen Handel weiter professionalisiert und internationalisiert.

Die Digitalisierung verschafft Verkäufern Reichweite, macht Kontrolle durch Behörden aber schwieriger. Gleichzeitig zeigt sich ein gesellschaftlicher Trend: Die Grenze zwischen Sammeln, Kuriosität und ethischer Verantwortung ist fließend. Der Handel ist legal, aber ethisch hochproblematisch und spiegelt eine Fortsetzung kolonialer Denkweisen, in der Menschen zu Objekten reduziert werden.

Auch für Forschung und Politik ist diese ökonomische Dimension relevant: Solange Nachfrage existiert, bleibt der Markt bestehen. Aufklärung, gesetzliche Regelungen und internationale Rückgabeinitiativen sind daher zentrale Schritte, um die Kommerzialisierung menschlicher Überreste zu stoppen und die moralische Verantwortung gegenüber Herkunftsgemeinschaften zu stärken.

Bemühungen zur Lösung des Problems

Einige Institutionen, wie die Charité, haben Bereitschaft gezeigt, menschliche Überreste zurückzugeben. Doch langwierige bürokratische Prozesse sorgen dafür, dass Fortschritte schleppend vorankommen. 

Psychologische und gesellschaftliche Wirkung

Der Verlust menschlicher Überreste ist mehr als ein historisches Problem, er ist eine offene Wunde. Für viele Gemeinschaften bedeutet er spirituelle Unruhe, kulturellen Identitätsverlust und generationsübergreifendes Trauma.

Gleichzeitig zwingt er Deutschland, sich seiner kolonialen Vergangenheit zu stellen. Erinnerungskultur bedeutet nicht nur Gedenktafeln, sondern konkrete Handlungen. Die Rückgabe von Überresten ist daher nicht nur juristische, sondern moralische Verantwortung.

Eine Gesetzeslücke

Während das KGSG Institutionen den Handel mit menschlichen Überresten verbietet, gibt es keinen klaren rechtlichen Rahmen für private Verkäufe.

Was hältst du vom Handel mit menschlichen Überresten auf Kuriositätenmärkten? Sollte er verboten werden?

Quellen