Bayume Mohamed Husen ist eine der faszinierendsten, aber zugleich am meisten übersehenen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte. Sein Lebensweg spannt einen kaum vorstellbaren Bogen: von der kolonialen Militärausbildung in Deutsch‑Ostafrika über den Ersten Weltkrieg bis zur Diskriminierung, Arbeitssuche in Berlin und schließlich zur Verfolgung durch das NS‑Regime. Seine Geschichte steht exemplarisch für viele Schwarze Menschen, die trotz ihres Engagements für Deutschland im Ersten Weltkrieg und danach jahrzehntelang marginalisiert wurden.
Bayume Mohamed Husen wurde 1904 in Daressalam (heute Dar es Salaam, Tansania) geboren. Zu dieser Zeit gehörte der Ort zur Kolonie Deutsch‑Ostafrika, einem der größten deutschen Kolonialgebiete in Afrika. Sein Vater war ein Askari‑Soldat, also ein einheimischer Soldat in der Kolonialtruppe. Askari wurden von europäischen Kolonialmächten angeworben, um in imperialen Kriegen zu kämpfen.
Da sein Vater bereits in der Schutztruppe diente, wuchs Husen in einem militärisch geprägten Umfeld auf. Früh lernte er Disziplin, militärische Rituale und Deutsch. Für viele Askari‑Söhne war der Militärdienst nicht nur ein Lebensmittelpunkt, sondern auch ein Weg zu Bildung und Einkommen, wenn auch unter kolonialen Bedingungen, die klare Hierarchien und rassistische Strukturen implizierten.
Die Askari spielten eine zentrale Rolle in den deutschen Kolonien, besonders in Deutsch‑Ostafrika, wo sie als lokale Soldaten unter europäischer Führung dienten. Ihre Rekrutierung erfolgte häufig schon im Jugendalter, besonders bei Söhnen von bestehenden Soldaten, wie im Fall von Bayume Mohamed Husen. Die Ausbildung der Askari kombinierte militärische Disziplin, Drill und den Erwerb der deutschen Sprache, während sie gleichzeitig auf den strikten Gehorsam gegenüber europäischen Offizieren vorbereitet wurden. Die Aufgaben reichten von Patrouillen über logistische Unterstützung bis hin zu direkten Kampfeinsätzen. Obwohl sie oft unter extremen klimatischen Bedingungen und schlechter Versorgung litten, wurden sie für das koloniale System unverzichtbar. Historische Aufzeichnungen zeigen, dass viele der jungen Soldaten, darunter auch Minderjährige, früh mit Waffen vertraut gemacht wurden. Dies führte nicht nur zu körperlichen Gefahren, sondern hinterließ auch tiefe psychologische Spuren. Die Askari standen in einem Spannungsfeld zwischen Loyalität gegenüber ihren Gemeinschaften und den Interessen des kolonialen Staates, was ihre Rolle in der Geschichte besonders komplex machte.
Im Ersten Weltkrieg brach der Konflikt auch in den Kolonien aus. In Ostafrika führten deutsche Truppen unter der Leitung von Paul von Lettow‑Vorbeck einen Guerillakrieg gegen britische Streitkräfte. In diesem Kontext dienten Askari‑Einheiten, zu denen auch Husen gehörte.
Historische Quellen zeigen, dass sehr junge Männer und sogar Jugendliche als Askari dienten, obwohl sie offiziell nicht als Soldaten anerkannt wurden. Viele von ihnen waren deutlich unter dem regulären Mindestalter für den Militärdienst, doch in den entlegenen Kolonialkriegen kam es immer wieder zu Ausnahmen, besonders wenn es an Soldaten mangelte. Dass Husen bereits im Teenageralter kämpfte, ist daher historisch belegt und wird in Artikeln zur kolonialen Militärgeschichte erwähnt.
Deutsch‑Ostafrika war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der größten deutschen Kolonien und zeichnete sich durch ein komplexes Geflecht aus Verwaltung, Wirtschaft und militärischer Kontrolle aus. Europäische Kolonialbeamte etablierten Hierarchien, in denen die einheimische Bevölkerung systematisch marginalisiert wurde. Bildung und Aufstiegschancen waren stark begrenzt, doch der Militärdienst bot für einige Afrikaner, wie die Askari-Familien, eine Möglichkeit zu Einkommen und Ausbildung. Gleichzeitig wurden lokale Traditionen und Herrschaftsstrukturen durch das koloniale System untergraben, was zu Spannungen und gelegentlichen Aufständen führte, darunter die Maji-Maji-Rebellion von 1905–1907. Die Kolonie war wirtschaftlich geprägt von Plantagen, Steuern und Zwangsarbeit, die das tägliche Leben der Bevölkerung stark beeinflussten. In diesem Umfeld wuchsen junge Männer wie Husen auf, geprägt von Disziplin, militärischer Erziehung und einer Mischung aus afrikanischen und europäischen Einflüssen. Diese Strukturen prägten nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihre Möglichkeiten, nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland Anerkennung zu finden.
1917 wurde Husen bei der Schlacht von Mahiwa schwer verwundet, einer der blutigsten Gefechte im ostafrikanischen Kriegsschauplatz. Die Schlacht wurde von britischen Truppen angegriffen und endete in hohen Verlusten auf beiden Seiten. Husen überlebte, wurde aber gefangen genommen.
Die Dauer seiner Gefangenschaft ist bis heute nicht eindeutig belegt, da viele Aufzeichnungen verloren gingen oder nie angefertigt wurden. Einige Archive deuten darauf hin, dass afrikanische Kriegsgefangene oft länger festgehalten wurden als ihre europäischen Kameraden und unter schwierigen Bedingungen leben mussten. In dieser Zeit wurde Husen Zeuge extremer Entbehrungen, Hunger und Krankheiten, die viele seiner Kameraden nicht überlebten. Diese Erfahrungen prägten sein späteres Leben und hinterließen bleibende körperliche und psychische Schäden, die ihn bei der Rückkehr nach Deutschland begleiteten.
Der Erste Weltkrieg erreichte Deutsch‑Ostafrika in Form eines langwierigen Guerillakriegs unter der Leitung von General Paul von Lettow‑Vorbeck, der mit einer kleinen, aber gut organisierten Truppe erfolgreich britische Kräfte abwehrte. Die Askari-Einheiten waren dabei das Rückgrat der deutschen Kolonialstreitkräfte, kämpften in unwegsamem Gelände und unter extremen klimatischen Bedingungen. Besonders junge Männer und sogar Jugendliche wie Husen wurden in den Kampf einbezogen, obwohl sie offiziell noch nicht volljährig waren. Die Schlachten waren brutal, die Versorgung knapp, und Verwundete wurden oft nur unzureichend medizinisch versorgt. Die Schlacht von Mahiwa 1917 gilt als eine der blutigsten Auseinandersetzungen des ostafrikanischen Kriegsschauplatzes und hinterließ tausende Tote und Verwundete auf beiden Seiten. Viele afrikanische Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft, wo sie unter schwierigen Bedingungen leben mussten. Der ostafrikanische Krieg zeigt die extreme Härte kolonialer Kriegsführung und verdeutlicht, wie sehr junge Afrikaner in diesen Konflikten instrumentalisiert wurden, ohne dass ihre Leistungen in der Nachkriegszeit angemessen anerkannt wurden.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kehrte Husen nicht sofort in ein normales Leben zurück. Wie viele ehemalige Kolonialsoldaten war er zunächst ohne feste Perspektive. In verschiedenen Quellen wird beschrieben, dass er zeitweise auf Schiffen arbeitete,unter anderem als Diener auf Kreuzfahrtschiffen, um seinen Lebensunterhalt zu sichern.
Viele Schwarze Veteranen des Ersten Weltkriegs hofften nach dem Krieg auf Anerkennung und Versorgung – ähnlich wie weiße Soldaten, die Frontkämpfer‑Status und Pensionen erhielten. Doch diese Hoffnungen wurden in Deutschland weitgehend enttäuscht. Systematische Ausgrenzung, bürokratische Hürden und offene rassistische Vorurteile verhinderten vielfach eine angemessene Anerkennung.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kehrten viele schwarze Veteranen wie Bayume Mohamed Husen nach Deutschland zurück, wo sie mit systematischer Diskriminierung konfrontiert wurden. Trotz ihres militärischen Engagements und der Risiken, die sie in den Kolonialkriegen eingegangen waren, wurden ihnen Anerkennung, Renten oder soziale Absicherung häufig verweigert. Im Vergleich zu weißen Frontkämpfern standen sie vor bürokratischen Hürden, offenen Vorurteilen und rassistischen Vorwürfen. Viele mussten Gelegenheitsjobs annehmen oder in prekären Verhältnissen leben, wobei einige auf Schiffen arbeiteten oder als „exotische“ Attraktionen in städtischen Lokalen präsentiert wurden. Gleichzeitig entstanden in Deutschland kleine Netzwerke schwarzer Communities, in denen sich ehemalige Soldaten gegenseitig unterstützten und Erfahrungen austauschten. Diese Lebensumstände prägten nicht nur die individuelle Biografie von Husen, sondern spiegeln auch die größere gesellschaftliche Ignoranz gegenüber den kolonialen Soldaten wider. Ihr Schicksal verdeutlicht die Lücken in der Erinnerungskultur, die erst Jahrzehnte später teilweise geschlossen wurden. Zusätzlich führten diese Erfahrungen dazu, dass viele schwarze Veteranen sich politisch und kulturell engagierten, Netzwerke bildeten und einen Teil ihres kolonialen Wissens, wie Sprache und militärische Taktiken, an die nächste Generation weitergaben.
1929 reiste Husen schließlich nach Berlin, um Soldforderungen einzuklagen, sowohl für sich selbst als auch für seinen verstorbenen Vater. Diese Auseinandersetzung mit dem deutschen Staat blieb erfolglos, doch sie legte einen weiteren Baustein in Husens ungewöhnlichem Lebenslauf.
In Berlin angekommen, war Husen zunächst auf sich allein gestellt. Er versuchte, verschiedene Jobs zu finden, darunter auch Tätigkeiten, die von der deutschen Mehrheitsgesellschaft als „exotisch“ wahrgenommen wurden, beispielsweise als Kellner in Lokalen, in denen Schwarze Menschen als Kuriositäten präsentiert wurden.
Ein weniger bekanntes Kapitel von Husens Leben ist seine Tätigkeit als Sprachlehrer. In der Weimarer Republik und später im nationalsozialistischen Deutschland gab es ein wachsendes Interesse an afrikanischen Sprachen, teils aus kolonial‑strategischem Kalkül, teils aus bürokratischem Bedarf in Verwaltungen und Polizei. Husen unterrichtete Swahili, das damals als wichtige Verkehrssprache in Ostafrika galt.
Dieses Interesse war nicht nur akademisch: Einige kolonialrevisionistische Gruppen in der Weimarer Republik sahen in der Kenntnis solcher Sprachen ein mögliches Mittel zur Vorbereitung auf eine Wiedererlangung deutscher Kolonien nach dem verlorenen Krieg.
Husen blieb politisch aktiv und engagierte sich zeitweise in neokolonialen Kreisen, die das Ziel verfolgten, deutsche Kolonien wiederzuerlangen. Gleichzeitig kämpfte er um Anerkennung als Frontkämpfer, eine Auszeichnung, die ihm lange verweigert wurde, obwohl er im Krieg gedient hatte.
Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus änderte sich Husens Lebenssituation dramatisch: Die rassistischen Gesetze des NS‑Regimes, insbesondere die sogenannten Rassenschande‑Paragrafen, richteten sich ausdrücklich gegen Beziehungen zwischen „Ariern“ und „Nicht‑Ariern“. Husens Ehe mit Maria Schwandner sowie seine Beziehungen zu weißen Frauen machten ihn zum Ziel staatlicher Repressionen
Aufgrund dieser rassistischen Verfolgung wurde Husen schließlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Dort starb er 1944, ein Opfer des NS‑Regimes.
Die Gedenkstätte Sachsenhausen führt Husen als einen der zahlreichen Häftlinge, die wegen ihrer Herkunft, Lebensumstände oder politischen Haltung verfolgt wurden. Sein Fall lässt sich online in mehreren Archiv‑ und Gedenkstättenportalen nachvollziehen.
Jahrzehnte lang blieb Husens Geschichte weitgehend unbekannt. Erst in den letzten Jahrzehnten rückte sie durch wissenschaftliche Arbeiten, Ausstellungen und digitale Archive wieder ins Bewusstsein. Führende Kultur‑ und Geschichtsinstitutionen wie die Bundeszentrale für politische Bildung, die Deutsche Digitale Bibliothek und verschiedene Universitätsprojekte haben Husens Leben dokumentiert und in größere historische Kontexte eingebettet.
Sein Leben gilt heute als wichtiges Beispiel dafür, wie koloniale Vergangenheit, rassistische Strukturen und die deutsche Geschichte insgesamt miteinander verflochten sind.