Die meisten von uns lieben es ab und zu eine Tafel Schokolade genießen zu können. Aber wusstest du, dass es eine tiefe Verbindung zwischen Schokoladenproduktion, Kolonialismus und Werbung gibt?
„Schokolonialismus“ im Tempelhof Museum entdecken
2025 war im Tempelhof Museum in Alt-Mariendorf, Berlin, die Ausstellung „Schokolonialismus“ zu sehen. Diese Ausstellung erzählt die Geschichte von Sarotti, einer Berliner Schokoladenmarke, die 1852 gegründet wurde und einst als größter Schokoladenhersteller Deutschlands galt.
Zu Spitzenzeiten in den 1920er Jahren beschäftigte die Sarotti-Fabrik am Teltowkanal rund 3.000 Menschen. Besonders problematisch ist jedoch, wie Sarotti rassifizierte Bilder in seinem Branding und Marketing nutzte.
Der Sarotti-M*wort: Ein koloniales Erbe in der Werbung
Einer der auffälligsten Aspekte der Sarotti-Geschichte ist das kontroverse Maskottchen. Der „Sarotti-M*Wort“, eingeführt im Jahr 1918, zeigte eine Schwarze Figur in bunter Kleidung, die Schokolade servierte, eine Darstellung, die den vermeintlichen „kolonialen Herren“ diente.
Dieses Bild wurde bis 2004 verwendet und verfestigte koloniale Stereotypen von Schwarzer Unterwürfigkeit. Öffentlicher Gegenwind führte schließlich zu einer Anpassung, aber erst, nachdem Kinder von Schwarzen Eltern und Aktivist*innen Druck auf Nestlé (den damaligen Mutterkonzern) ausübten, und von ihnen forderten ihre Kampagnen zu neu zu denken.
Sarottis Werbestrategie schuf einen Präzedenzfall in ganz Europa und förderte die Nutzung von rassifizierten Darstellungen im Schokoladenmarketing. Die Absicht hinter dem Maskottchen war es, den Kolonialismus zu romantisieren und die fremde Herkunft des Kakaos zu symbolisieren. In Wahrheit perpetuierte es rassistische Ideologien und verstärkte das „Othering“ von Schwarzen Menschen.
Die kolonialen Wurzeln der Schokolade
Schokolade stammt von der Kakaopflanze, die ihren Ursprung in Süd- und Mittelamerika hat. Indigene Völker konsumierten kakaohaltige Getränke bereits seit Jahrhunderten, bevor spanische Kolonialoffiziere nach blutigen Eroberungen Kakaosamen aus Mexiko raubten.
Im späten 19. Jahrhundert hatte Deutschland mehrere Kolonien in Afrika etabliert, darunter Togo und Kamerun. In diesen Kolonien wurden Plantagen etabliert um die Kakaoproduktion auszuweiten. So kam der Kakao in den afrikanischen Kontinent. Die Bedingungen auf diesen Plantagen waren unmenschlich. Die lokale Landwirtschaft wurde für die Produktion von Exportwaren ersetzt. Die Ausbeutung setzte sich auch nach dem Ende der deutschen Kolonialzeit fort.
Im 20. Jahrhundert wurde der Großteil des Rohkakaos aus afrikanischen Kolonien nach Europa exportiert, wo er zu kommerzieller Schokolade verarbeitet wurde. Die Gewinne blieben in Europa, während jene, die die Rohstoffe anbauten, in Armut verharrten.
Sarottis dunkle Geschichte im Zweiten Weltkrieg
Die problematische Geschichte von Sarotti endet nicht bei der kolonialen Ausbeutung. Während des Zweiten Weltkriegs kollaborierte das Unternehmen mit den Nazi-Behörden und belieferte die Wehrmacht mit Schokolade. Sarotti setzte zudem Zwangsarbeiter*innen aus Polen und der Tschechischen Republik ein, was die Rolle des Unternehmens in historischen Ungerechtigkeiten weiter verfestigte.
Die moderne Schokoladenindustrie: Ein Erbe der Ausbeutung
Auch heute ist die Schokoladenindustrie noch immer von wirtschaftlicher Ungleichheit, Umweltproblemen und ethischen Verstößen geplagt, einschließlich Kinderarbeit.
Viele westliche Unternehmen weigern sich, die Produktion in die Länder zu verlagern, in denen der Kakao wächst. Dies ermöglicht es ihnen, höhere Steuern und Investitionen in lokale Infrastruktur (wie Elektrizität) zu umgehen und verhindert den Transfer von Wissen und wirtschaftlicher Macht an ehemalige Kolonien.
Obwohl die globale Kakaoindustrie jährlich 16 Milliarden Dollar wert ist, bleibt das Durchschnittseinkommen von Kakaobäuer*innen schockierend niedrig: zwischen 30 und 110 Dollar pro Haushalt im Jahr. In Ghana und der Elfenbeinküste, die 60 % der weltweiten Kakaoproduktion abdecken, verdienen Bäuer*innen oft nur zwischen 0,78 und 1 Dollar am Tag.
Ethische Schokoladenmarken unterstützen
Aber es gibt Hoffnung! Als Konsument*innen können wir einen Unterschied machen, indem wir ethisch produzierte Schokolade wählen. Halte Ausschau nach Marken mit dem Fairtrade-Siegel, das faire Preise, bessere Arbeitsbedingungen und nachhaltige Anbaumethoden garantiert.
Initiativen wie Fairafric, die Schokolade direkt in Ghana produzieren, helfen dabei, das lokale Einkommen um das Vierfache zu steigern, indem sie einen größeren Teil des Produktionsprozesses im Land halten.
Besuche die Ausstellung
Die Ausstellung „Schokolonialismus“ lief bis zum 30. September im Tempelhof Museum. Sie ist ein absolutes Muss für alle, die sich für die komplexe und oft unbequeme Geschichte hinter einer der beliebtesten Süßigkeiten der Welt interessieren.
Danke fürs Lesen und wenn du das nächste Mal eine Tafel Schokolade genießt, nimm dir einen Moment Zeit, um über ihre Geschichte nachzudenken!
Komm zu unserer Food Tour: Wenn du mehr über koloniale Verflechtungen in der Lebensmittelindustrie lernen möchtest buche eine Food Tour durch Kreuzberg/ Neukölln mit uns.
Quellen:
https://www.regenwald-schuetzen.org/handeln/nachhaltige-ernaehrung/kakao-und-schokolade/geschichte-der-schokolade#:~:text=Kein%20Kakao%20ohne%20Ausbeutung:%20Kolonialismus,hohen%20Gewinnen%20verkauft%20werden%20konnten.
https://www.vr-elibrary.de/doi/abs/10.7788/boehlau.9783412211646.73
https://kolonialismus-begegnen.de/geschichten/die-gruendung-der-firma-sarotti