Eines der ikonischsten Ausstellungsstücke Berlins ist die markante Büste der Königin Nofretete, ausgestellt im Neuen Museum auf der Museumsinsel. Sie gilt als globales Symbol für Schönheit, Macht und Kunsthandwerk des alten Ägypten. Heute ist sie ein zentraler Bestandteil der Debatte um koloniale Raubkunst und Repatriierung von Kulturgütern.
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Doch hinter diesem gefeierten Artefakt verbirgt sich eine lange Kontroverse. Die Büste wurde 1912 von einem deutschen Archäologenteam eingesteckt und wie viele Objekte aus der Kolonialzeit wurde sie rasch außer Landes gebracht und nach Berlin transportiert, wo sie bis heute vorzufinden ist.
Der Aufruf nach Rückführung
Der ehemalige ägyptische Minister für Altertümer, Zahi Hawass, hat die Debatte im September 2024 neu entfacht, indem er eine Petition startete, die die Rückgabe der Büste fordert. Er argumentiert, dass das Artefakt illegal außer Landes gebracht wurde und an seinen rechtmäßigen Ort zurückkehren müsse.
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, verantwortlich für die Berliner Museumssammlungen, beharrt hingegen darauf, dass die Büste legal erworben wurde. Doch ist diese Behauptung wirklich haltbar?
Die Legalität des Erwerbs auf dem Prüfstand
In den frühen 1910er Jahren stand Ägypten unter britischer Kolonialherrschaft und verfügte kaum über Ressourcen für eigene Ausgrabungen. Deutsche Archäologen, finanziert durch den Geschäftsmann James Simon, erhielten daher die Erlaubnis, Artefakte auszugraben. Die damalige Vereinbarung sah eine 50:50-Teilung der rund 10.000 Funde vor. Dies war eine gängige Praxis, bevor sich die Regeln 1922 nach der Ausgrabung von Tutanchamuns Grab grundlegend änderten.
Deutschland behauptet, dass ein ägyptischer Vertreter die Hälfte der Funde fair ausgewählt habe, einschließlich der Nofretete-Büste. Kairo argumentiert dagegen, dass der deutsche Ägyptologe Ludwig Borchardt die Bedeutung der Büste absichtlich verschleierte, um sie aus Ägypten zu schmuggeln. Die Büste blieb zunächst ein Jahrzehnt lang in Simons Privatsammlung, bevor sie 1924 in Berlin öffentlich gezeigt wurde.
Ein Jahrhundert der Rückgabeforderungen
Ägyptens Bemühungen um eine Rückführung sind nicht neu:
- Erste offizielle Anfrage 1920
- Ablehnung durch Hitler 1933
- Petition von König Faruq nach dem Zweiten Weltkrieg
- erneute Forderung durch Zahi Hawass 2011
- erneute Petition 2024
Seit über hundert Jahren wird die Rückgabe verweigert, ein Muster, das sich in Europa gegenüber vielen Forderungen nach Repatriierung kolonialer Kulturgüter zeigt.
Deutschlands Widerstand gegen die Repatriierung
Die Bundesregierung verweist auf die Zerbrechlichkeit der Büste, mögliche Präzedenzfälle und fehlende rechtliche Grundlagen. Die offizielle Haltung der Stiftung lautet weiterhin:
„Es gibt derzeit keine Verhandlungen mit Ägypten über die Rückgabe der Statue.“
Kulturbotschafterin – oder koloniale Geisel?
Einige argumentieren, die Büste fungiere als „kulturelle Botschafterin“ Ägyptens. Die ägyptische Archäologin Monica Hanna widerspricht jedoch deutlich:
„Wenn eine Botschafterin nur in eine Richtung geschickt wird, ist sie eine Geisel.“
Neben Ticketverkäufen generiert die Büste erhebliche Einnahmen. Repliken werden im Museumsshop für 48 Euro verkauft. Eine Berliner Zeitung nutzte ihr Bild sogar, um Berlin als „migrationsfreundliche Stadt“ zu bewerben.
Was denkst du?
Sollte Berlin die Büste der Nofretete an Ägypten zurückgeben, um seine koloniale Vergangenheit anzuerkennen? Oder sollte die Stadt weiterhin an dem Artefakt festhalten?
Diskutier diese Frage mit uns in der Tour übers Humboldt- Forum.
Quellen:
https://www.deutschlandfunk.de/auf-beutezug-in-aegypten-100.html